Lerntypen: Was die Forschung sagt
Ratgeber · Merkkasten-Redaktion ·
Viele glauben, dass jeder Mensch einen Lerntyp hat und am besten über einen bestimmten Sinn lernt. Die Forschung findet dafür keine Belege. Wichtiger ist, wie du den Stoff verarbeitest.

Welche Lerntypen gibt es?

Frederic Vester beschrieb 1975 in seinem Buch „Denken, Lernen, Vergessen“ vier Lerntypen:
| Lerntyp nach Vester | soll am besten lernen durch | typischer Tipp |
|---|---|---|
| auditiv | Hören | Stoff laut vorlesen, Erklärvideos hören |
| visuell | Sehen | Bilder, Schaubilder, Farben |
| haptisch | Anfassen und Tun | Modelle bauen, Versuche machen |
| kognitiv | Nachdenken | Texte lesen, Zusammenhänge durchdenken |
Statt des kognitiven Typs nennen neuere Bücher oft einen kommunikativen Typ, der durch Gespräche lernt. Später kamen andere Modelle dazu, etwa das VARK-Modell von Neil Fleming mit visuell, auditiv, Lesen/Schreiben und kinästhetisch (Ausprobieren, Bewegung).
Die Idee dahinter klingt einleuchtend: Jeder Mensch nimmt Neues am besten über einen bestimmten Sinn auf. Wer seinen Typ kennt und passend lernt, lernt besser.
Gibt es Lerntypen wirklich? Was die Forschung sagt
Genau diese zweite Behauptung haben Forschende überprüft. 2008 werteten Harold Pashler und Kollegen die vorhandenen Studien aus. Ihre Frage: Lernen Menschen tatsächlich besser, wenn der Unterricht zu ihrem angeblichen Lerntyp passt? Für einen solchen Nachweis braucht es einen ganz bestimmten Versuchsaufbau, und genau solche Studien fanden sie kaum. Die wenigen geeigneten Studien widersprachen der Annahme sogar. Spätere Übersichtsarbeiten kamen zum selben Ergebnis.
Das heißt nicht, dass alle Menschen gleich lernen. Menschen unterscheiden sich durchaus, etwa im Vorwissen, in der Begabung oder in der Motivation. Nur die Einteilung nach Sinneskanälen erklärt den Lernerfolg nicht.
Warum sich der Mythos so hartnäckig hält
Trotzdem ist der Glaube an Lerntypen weit verbreitet. Laut Studien, die das Deutsche Schulportal zusammengefasst hat, glauben weltweit rund 90 Prozent der Lehrkräfte an Lerntypen. In einer Umfrage unter angehenden Lehrkräften in Deutschland stimmten laut Schulportal 95 Prozent zu, dass Unterricht auf verschiedene Lerntypen Rücksicht nehmen sollte.
Ein Grund: Vorlieben gibt es wirklich. Manche schauen sich lieber ein Schaubild an, andere hören lieber zu. Aber was man lieber mag, ist nicht automatisch das, womit man am meisten behält. Dazu kommt, dass Lerntyp-Tests schnell gemacht sind und ein klares Ergebnis liefern. Das fühlt sich hilfreich an.
Die Etiketten bleiben nicht ohne Folgen. In einer Studie von 2023, über die das Schulportal berichtet, sollten Eltern, Lehrkräfte und auch Kinder erfundene Schülerinnen und Schüler einschätzen. „Visuell“ Lernende hielten sie für klüger und begabter in Schulfächern, „praktisch“ Lernende eher für sportlich und gut in Musik und Kunst. Solche Erwartungen können Kinder prägen.
Was stattdessen zählt

Entscheidend ist nicht, über welchen Sinn ein Stoff ankommt, sondern was du danach im Kopf damit machst. Wer Neues mit dem verknüpft, was er schon weiß, behält es besser. Das gilt für alle.
Außerdem bestimmt der Stoff, welche Darstellung sinnvoll ist, nicht der Lerntyp. Die Lage der Kontinente lernst du am besten mit einer Karte, die Aussprache englischer Vokabeln mit dem Hören, einen Rechenweg mit dem eigenen Rechnen. Das ist für alle Menschen so.
Am meisten bringen Methoden, bei denen du aktiv wirst: vor allem dich selbst abfragen und in Abständen lernen, dazu Warum-Fragen und dir selbst den Stoff erklären. Mehr dazu im Artikel Lernmethoden für die Schule.
Lerntyp-Test: Welcher Lerntyp bin ich?
Im Internet gibt es viele Lerntyp-Tests. Meist beantwortest du Fragen wie „Merkst du dir Telefonnummern eher, wenn du sie hörst oder wenn du sie siehst?“ und bekommst am Ende einen Typ. Ein solcher Test misst also, was du über dich selbst glaubst und was du gern magst. Ob du damit besser lernst, sagt er dir nicht. Nimm das Ergebnis darum nicht als Grund, bestimmte Methoden auszulassen. Wenn du sagst „Ich bin visuell, Karteikarten sind nichts für mich“, verzichtest du womöglich auf eine der wirksamsten Methoden überhaupt.
Willst du herausfinden, was bei dir funktioniert, mach einen ehrlichen Selbstversuch: Lerne zwei gleich schwere Themen mit zwei verschiedenen Methoden und frag dich eine Woche später ab. Dann siehst du nicht, was sich gut anfühlt, sondern was hängen geblieben ist.
Quellen
- Lerntypen: Warum es sie nicht gibt und sie sich trotzdem halten (Daumiller, Wisniewski), In-Mind, Ausgabe 3/2022
- Der Lerntypen-Mythos und seine Folgen (Alexander Brand), Deutsches Schulportal, 03.03.2025
- Learning Styles: Concepts and Evidence (Pashler, McDaniel, Rohrer, Bjork), Psychological Science in the Public Interest 9 (3), 2008
- Improving Students' Learning With Effective Learning Techniques (Dunlosky u. a.), Psychological Science in the Public Interest 14 (1), 2013
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